Sonderweg zwischen Riesling und Pflichtethik

Es ist schwer, sein Land zu lieben, und nahezu unmöglich, diese Liebe auch noch auf dessen Bevölkerung auszudehnen.

Wenn aber nicht Deutschland, so liebe ich doch manches typisch Deutsche. Was das sein soll? Mit grobem Pinsel und in Kürze sei eine Antwort versucht. Deutsch sind der Riesling und die Burgen am Rhein, Tilman Riemenschneider und Matthias Grünewald, „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Das Patrem deutsch“ von Johann Walter, Bachs kontrapunktisches Schöpfungslob und heiterer Protestantismus, Schuberts „Schöne Müllerin“, das „Meistersinger“-Vorspiel und der Einzug der Gäste in die Wartburg im „Tannhäuser“, der Mond der Romantik von Caspar David Friedrich bis Novalis, natürlich Eichendorff, aber unbedingt auch Wilhelm Busch, die Begriffsmühlen des deutschen Idealismus, der hohe Ton von Schiller über Hölderlin bis zu George, der mitreißende Fundamentalismus Kleists, die Brüder Humboldt als Mitbegründer jener Spielart deutscher Leitkultur, deren Leidenschaft der Erforschung fremder Kulturen galt, die Idee der Universität als Ort universeller Bildung, natürlich Waldesruh und Waldweben, Wiesengrund und Mühlbach, Tiefsinn und Bierseligkeit, Musikalität und Liebe zum Trunk, Gemüt und Gemütlichkeit, Innerlichkeit und Pflichtethik, Kehrwoche und Metaphysik, gehaltene Versprechen und Derbheit im Umgang. Dazu das Fehlen von Eleganz, nie waren die Deutschen weltmännisch, stets etwas verhockt und steif, allenfalls im Geiste weltbürgerlich, doch im Herzen Provinzler. Lange waren sie manisch gräkophil, aber von Latinität weitgehend unberührt (das Wahrnehmungsgenie Goethe ausgenommen). Deutsch sind die „faustische“ Unbegabung zum Glücklichsein, deutsche Gründlichkeit, deutsche Ingenieurskunst, Made in Germany als weltweites Gütesiegel und Ordnung muss sein als erste Maxime – Ordnung ist zunächst ein ästhetischer Wert, erst dann Sekundärtugend. Deutsch ist die ewige Frage, was deutsch sei, wie Nietzsche festhielt. Deutsch ist, sich in der Mitte Europas umzingelt zu fühlen und es periodisch sogar zu sein. Seit Luther und erst recht seit Napoleon eignet den Deutschen ein starker Hang zum Fundamentalismus. Deutsch ist die Treue zur Sache bis zur Idiotie... Alles Schnee von gestern? Schon möglich – doch wie eminent erinnernswert!

Ich bin franko- und italophil, kulinarisch sowieso, aber auch kulturell – vor allem was das Auge betrifft –; ich würde zudem die idealtypische Französin meiner Landsgenossin vorziehen, die Russin erst recht (die Italienerin nicht unbedingt), und die meisten Menschen, die mich abstoßen, kommen aus meiner Heimat, doch ich denke und empfinde sozusagen unheilbar deutsch. Wenn von Deutschland die Rede ist, fühle ich mich unweigerlich mit angesprochen, wenn etwas Deutsches im Ausland gelobt oder getadelt wird, halte ich mich nolens volens für mitgemeint. Die Frage, ob ich stolz bin, ein Deutscher zu sein, würde ich im Ernst nicht beantworten, aber solange es unter den den Meinungsverbreitern hierzulande verpönt ist, tät’ ich Jawohl! rufen, früge mich wer coram publico.

„Da fehlt doch was!“, höre ich quengeln. Ach ja: Das Soldatische. „Das tapferste Volk sind die Deutschen“, befand Heinrich Heine. „Die Deutschen sind tapfer ohne Nebengedanken, sie schlagen sich, um sich zu schlagen, wie sie trinken, um zu trinken. Der deutsche Soldat wird weder durch Eitelkeit, noch durch Ruhmsucht, noch durch Unkenntnis der Gefahr in die Schlacht getrieben, er stellt sich ruhig in Reih und Glied und tut seine Pflicht.“ Die Deutschen seien „geborene Soldaten“ (natural soldiers), behauptete gar der britische Feldmarschall Harold Alexander, im Zweiten Weltkrieg Kommandeur der alliierten Truppen in Italien. In seinem Tagebuch schrieb er: „Nicht einmal der offensichtliche Zusammenbruch der das Vaterland verteidigenden Armeen konnte in Italien den deutschen Soldaten verführen, seine soldatischen Pflichten im Stich zu lassen.“ Resümee: „Wir kämpften gegen die besten Soldaten der Welt.“ Charles de Gaulle soll, nachdem er 1944 über das Trümmerfeld von Stalingrad geschritten war, die Worte „Ein großes Volk!“ vor sich hingemurmelt und zum Ärger seiner nachfragenden sowjetischen Gastgeber die Deutschen gemeint haben.

Aber das ist ja nun wirklich Schnee von gestern. Aus Bismarcks stolzem „Wir fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“ ist heute der stehenden Begriff German angst geworden. Andrerseits hat sich Deutschland beziehungsweise Preußen-Deutschland erstaunlich selten an Kriegen beteiligt, vergleicht man es mit Frankreich, England oder den USA. Per se kriegerisch ist dieses Volk nie gewesen, und auch grausame Herrscher kennt die deutsche Geschichte vor 1933 im Grunde nicht. Der hierzulande rituell dauerbekakelte preußisch-deutsche Militarismus hat sich, was den Einfluss der Militärs auf die Politik angeht, vom englischen oder französischen seiner Zeit wenig unterschieden. Der welthistorische Amoklauf der Hitlerjahre war so wenig typisch deutsch, wie die Burka typisch islamisch ist; typisch deutsch waren nur der Organisationsgrad und die Konsequenz, mit welcher er vollzogen wurde.

Aber der deutsche Sonderweg, höre ich. Wenn diese Wortverbindung fällt, ist das immer eine gute Gelegenheit, sich andere Gesprächspartner zu suchen. Die Geschichte beschreitet nämlich ausschließlich Sonderwege, alles andere ist Mythologie. Man kennt dergleichen fixe geschichtliche Wege noch sehr gut aus dem Märchen- und Sagenschatz des Marxismus. Das Kaiserreich hätte nur den Ersten Weltkrieg gewinnen müssen, dann wären eben England und Frankreich auf bösen Sonderwegen gewandelt, obwohl sie vorher, nach dieser Theorie, längst den rechten, den demokratischen Weg eingeschlagen hatten. Was nun wiederum die angeblich mangelhafte demokratische Tradition angeht: Rechnet man eine Formalität namens Parlament ab, wird es schwierig, den Deutschen hinsichtlich der Mitspracherechte historische Defizite anzudichten. Das Land der Kaiserwahl, der Deutschen Städteordnung, der Reformation und des Allgemeinen Preußischen Landrechts muss sich dergleichen nicht vorwerfen lassen.

„Deutsch sein heißt“, um eine weitere Standardsentenz in diesem Zusammenhang zu zitieren, „eine Sache um ihrer selbst willen tun.“ Also sprach bekanntlich Richard Wagner, nach eigenen Worten „der deutscheste Mensch“, was insofern zutreffen mag, als er womöglich derjenige sein wird, dessen Werk am weitesten in die Zeiten strahlen wird, wenn der deutsche Stern einmal erloschen sein sollte. Daran zu arbeiten, dass er erlischt, seine Herkunft, Tradition und Kultur als peinlich zu empfinden und beispielsweise ein Prekariats-Idiom wie das sogenannte „Kiezdeutsch“, in dem keine komplexe Aussage möglich ist, als Bereicherung der Sprache Kants, Hegels, Goethes und Kafkas zu deklarieren, ist die aktuelle Version des typisch Deutschen. Dem Strebertum im Siegenwollen folgte das Strebertum im Besiegtsein. Heute wollen typisch deutsche Gesinnungsstreber am liebsten das deutsche Volk abschaffen. Kein Maß, keine Mitte, keinen Sinn fürs Vorläufige und kein Auge fürs Machbare, all das ist deutsch. Sei’s drum – und abschließend in eher undeutscher Hoffnung ein sehr deutscher Dichter bemüht:

„Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.“

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