Debriefing The President

Der „Stern“ veröffentlicht diese Woche einen Artikel über "Debriefing the President: The Interrogation of Saddam Hussein", ein Buch von John Nixon, dem ersten CIA-Offizier, der den irakischen Diktator damals vernommen hatte. Alles in allem ein Schlag ins Gesicht der US-Administration, aber auch ein Ausweis gewisser Weitsicht des „alten Europa“. Deutschland und Frankreich führten damals die Liste der Skeptiker an, Merkel hingegen lag als Teil einer falsch verstandenen Bündnistreue auch falsch in der Beurteilung von Dichtung und Wahrheit.

Ich habe damals von einer Konzertreise durch die USA zwei Texte für deutsche Zeitungen verfasst. Sie wurden gedruckt, immerhin, aber mir schlug eine Woge von unterstelltem Anti-Amerikanismus entgegen. „Du wirst sehen, die Sieger des zweiten Weltkrieges können nicht irren.“ - so eine damalige Leserzuschrift. Dass uns Amerika in allem immer eine Dekade voraus ist, kann man an den Exzessen gegen unkonformes Denken betroffen oder belustigt feststellen. Damals dort und heute hier und dort. Als sicher kann aber im Lichte dieser Erfahrung gelten: Donald Trump ist nicht die Ursache einer Verheerung sondern dessen Folge.

Hier die beiden kurzen Texte:

Siegfriedidyll? Eindrücke einer Konzertreise

Das elfte Mal reisen wir nun schon quartettierend durch die USA und erst jetzt finde ich Zeit, einer Probe in der Boston Symphony Hall zu lauschen: Wagners „Siegfriedidyll“. Die Musik des gebürtigen Leipzigers in jenem, vom zweiten Gewandhaus inspirierten Saal, ist so fern der täglichen Nachrichten, verliebt und einnehmend für den Charme des alten Europa.  Diesen Charme findet man hier in der neuen Welt überall, und so ahnt man, trotz innerer Aufgebrachtheit, daß die Ausgewogenheit der Berichterstattung im Vordergrund stehen muß - will man nicht Unrecht denken. Amerika ist immer noch - in den gebildeten Kreisen - fest in der kulturellen Hand der Erinnerungen an das Leben auf dem alten Kontinent. Auch wenn von vielen Seiten alle Versuche unternommen werden, daß sich das ändert, öffentliche Meinung patriotisch gleichgeschaltet wird, der Zweifler schon suspekt ist. Die Menschen die in großer Zahl in unsere Konzerte kommen sind aufgeschlossen und freundlich, man redet danach über Deutschland, Musik und das Wetter. Sorgsam werden politische Überzeugungen ausgespart oder als Gesprächseröffnung: „Wir sind auch gegen Krieg!“ geklärt. Einen Kriegsbefürworter haben wir bisher nicht kennengelernt. Dabei gehört viel Eigensinn dazu, dem überall gegenwärtigen, an Dummheit und Verlogenheit nicht zu überbietenden Fernsehkommentaren zu entkommen. Alle News-Sender berichten 24 Stunden am Stück mit Live-Bildern aus Schützengräben, Interviews mit Familienangehörigen Gefangener und Gefallener Amerikaner - nicht ohne zu versichern, man wolle dieses Leid respektvoll behandeln. Kämpfende Iraker kommen kaum anders denn als „Bande“, „Kriegsverbrecher“ und „Terroristen“ dabei in den Blick. Fragen europäischer Reporter zum Thema verschollener Massenvernichtungswaffen werden rüde abgebürstet, es gibt öffentliche Diskussionen, ob deutsche Firmen noch die Farbe für den Anstrich des Pentagon liefern dürfen oder ob nicht alle auf französischem Boden vorhandenen amerikanischen Kriegsgräber des 2. Weltkrieges exhumiert und ins Heimatland überführt werden sollten. Ganz Patriotische bestellen statt Pommes frites jetzt „Freedom Fries“, verbannen französischen Wein von ihren Restaurant-Karten und bezeichnen Frankreichs Präsident Chirac gar als „den wahren Hitler unserer Tage“. Getreu dem peinlichen TV-Motto: „Sie haben die Fragen, wir die Antworten“
Wenn dies alles Amerika repräsentieren würde, wäre das der Untergang des Abendlandes. Aber das ist eben nur eine Seite. Andererseits stehen vor Regierungsgebäuden (meist ältere) Leute mit Friedens - Transparenten, finden Unterschriftensammlungen statt, hat die Zahl der beflaggten Autos, Häuser und Mützen gegenüber letztem Jahr merklich abgenommen. Bissig kommentieren Zeitungen die Empfehlungen der Zivilverteidigung, Plastikplanen und Klebeband zur Sicherung des Eigenheimes zu horten, ganze Kolumnen leben von den  der „Achse des Blöden“ zugehörigen Statements des Mr. Bush: „Ich habe den Eindruck, daß die Unruhen im Nahen Osten Unruhen für die ganze Region mit sich bringen“  Und so hoffen wir mit den Vielen, daß das Gegenwärtige den Stellenwert von Kunst und Bildung als Essenz des Gemeinsamen stärken möge. Ist das überzogen? Ein tragischer Held dieser Siegfried in der Idylle der Flucht aus unserer Zeit.

Siegen auf Amerikanisch

Seit der Veröffentlichung meiner Eindrücke anläßlich unserer USA- Konzertreise in in der letzten Woche habe ich Dutzende Gespräche geführt, Tausende Kilometer im Land zurückgelegt und Zuschriften bekommen. Manche Fragen bleiben offen, andere wiederum scheinen zumindest nicht mehr so unbegreiflich. So war uns bislang nicht klar, daß die hierzulande viel zitierten Umfragewerte zur Befürwortung des Krieges oft nur unter 400 bis 500 Personen erhoben werden, kein Wunder daß damit alle manipulativen Möglichkeiten offen bleiben. Fassen wir doch einmal zusammen: eine unsäglich grausame Diktatur ist (oder war ) der Irak unter Saddam Hussein ohne Zweifel. Die Frage bestand darin, wie eine Ablösung betrieben werden konnte. Und diese Frage wurde von der Welt nach dem Überfall des Nachbarlandes Kuweit 1991 mit großer, geschlossener Berechtigung gestellt. Als läge die heutige Situation auf dem Wege der damals eingeschlagenen Politik, hungerte man zuerst das Land aus, gegen den Rat vieler UNO-Mitarbeiter, zwang Bagdad zur Abrüstung, half bei der Zerstörung vieler Waffensysteme (deren know-how man noch wenige Jahre zuvor erst geliefert hatte) und ließ sich sogar einen Katalog vorhandener militärischer Stärke anlegen. Dieser war zwar für den Sicherheitsrat bestimmt, wurde aber zuerst von den USA gelesen und in Portionen des Wissens aufgeteilt. Danach und angeblich auf seiner Grundlage wurden von einer „Koalition der Willigen“ Behauptungen aufgestellt, hauptsächlich über verbotene Waffen und ihren unmittelbar bevorstehenden Einsatz in aller Welt, die bisher nicht bewiesen werden konnten. Laut Resolution 1441 waren die unterzeichnenden Staaten verpflichtet, eigene Erkenntnisse ihrer Geheimdienste der UN-Kommission von Hans Blix zur Verfügung zu stellen. Doch entweder waren die Dokumente so mehrdeutig wie kein Beweis sein darf oder sie wurden frech und dilettantisch gefälscht. Der UN-Sicherheitsrat wurde gezielt belogen. Als das und der Hinweis, das Gremium selbst sowie seine nicht auf Kriegskurs befindlichen Länder machten sich auf der Weltbühne überflüssig, nicht zu einer Kriegslegitimierung führte, verzichtete man ganz darauf und brach den Krieg ohne die Ermächtigung der Welt vom Zaun. Dabei ist sich auch hier in den USA die Mehrheit der Rechtsexperten darin einig, daß die vorhandene Resolution 1441 keine Ermächtigung darstellen kann. Aus vielerlei Gründen. Nun führen zwei der größten, reichsten und militärisch potentesten Staaten einen Krieg gegen einen Gegner den sie vorher seine Gegenwehr schon in weiten Teilen haben zerstören lassen. Zahlenmäßig reicht einfache mathematische Bildung aus, um schon jetzt die Verluste auf irakischer Seite um den Faktor 1000 höher als die eigenen beziffern zu können. Und ein Ende im Sinne von dauerhaftem, gar demokratischem Frieden ist keineswegs zu sehen. Nicht zu reden von dem unsäglichen Leid unter Zivilisten oder den zum Kriegsdienst gezwungenen jungen Menschen. Wer fragt noch nach dem Grund: Massenvernichtungswaffen sind bisher nicht gefunden, geschweige denn eingesetzt worden. Wie im Computerspiel ist von „intelligenten“ Bomben die Rede, die, wenn sie wirklich intelligent wären, eigentlich die eigenen verantwortlichen Politiker treffen müßten. Viele Amerikaner bedauern das Verspielen aller Sympathien wie sie den USA nach dem 11.September 2001 weltweit, freiwillig, unter Anerkennung seiner Werte und Kultur, entgegengebracht wurden. Der Faktoren also, deren Legitimität einzig wirkliche Führerschaft aufbringen kann.
Man fragt sich nun, auch hier in Deutschland: kann es ernsthaft einen Diskurs über eine Gefolgschaft geben, wenn es dabei um Anerkennung einer Politik wie die des derzeitigen US-Präsidenten - mit einem IQ von 90 (so ist hier zu hören!) - geht? Oder haben wir uns schon damit abgefunden, daß Politiker überhaupt von den Einsichten und Empfindungen der Menschen unabhängig handeln? „Interesse steuert Wahrnehmung“ können wir lesen - wenn wir lesen können. Und so banal das klingen mag, hier und nur hier liegt der Kern des Problems: wenn wir den Mut haben sollen, unseren Verstand zu gebrauchen, muß dieser vorhanden sein, er muß entwickelt und die Wirklichkeit an den Früchten seines Denkens beteiligt werden. Am Ende stünden nicht nur mündige Bürger sondern auch mündige Politiker. „Denn ein Sieg der Vernunft kann immer nur ein Sieg der Vernünftigen sein!“ (B.Brecht)

Zum Abschluss noch einmal John Nixon: "Ich möchte nicht nahelegen, dass Saddam unschuldig gewesen ist. Er war ein schrecklicher Diktator, (…). Aber im Nachhinein wäre die Aussicht auf einen entwaffneten und alternden Saddam an der Macht weit besser, als die Verschwendung des Lebens unserer Soldaten und der Aufstieg des IS, von den 2,5 Billionen Dollar Kosten ganz abgesehen." Und über George W. Bush, ein Mann, der in Nixons Gegenwart dumme Witze über das nicht vorhandene Giftgas machte, als bereits 4000 US-Soldaten wegen Bushs Irrtum gefallen waren. Zu ihm fällt Nixon nur ein: "Was für ein A****loch!"

  Über uns

„Wissen ist Macht“ und „Nichtwissen machts nichts“ - zwischen diesen beiden Zuständen scheint sich aktuelle Politik wohlzufühlen. War das immer so?

Wir finden: NEIN! Und es sollte auch nicht die ultima ratio sein. Kultur als zentrale Klammer der Debatten, Menschen mit Hintergrund jenseits des Politischen, neue Ansätze, ein Portfolio an Alternativen – all das finden Sie hier bei uns. Schauen Sie herein, seien Sie neugierig, bleiben Sie erwartungsvoll.

 

  Kontakt

Pierrot Lunaire GmbH
Ferdinand-Lassalle-Straße 1a
04109 Leipzig

T. +49 (0)160 7184310


office(a)pl-beratung.de
www.pl-beratung.de